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Könnte ich jemals wieder ein Kind so lieben?

„Du bist ja noch jung, kannst ja wieder ein Kind bekommen“… solche und ähnliche Aussagen bekam ich von Beginn an sehr oft zu hören. Die Intention ist bestimmt gut gemeint, verfehlt jedoch völlig seine Wirkung. Diese Aussage setzte mich sehr unter Druck, denn ich war mir sicher, dass ich niemals wieder jemanden so sehr lieben könnte wie meinen Alexander. Und außerdem wollte ich mein Kind nicht ersetzen. Ich wollte Alexander zurück und nicht ein anderes Kind. Ein weiteres Kind wäre wunderschön gewesen, wenn mein Sohn noch leben dürfte. Aber so, nein niemals. Es fühlte sich falsch an. Falsch gegenüber meinem verstorbenen Sohn und falsch gegenüber dem Ungeborenen. Ersetzen wollen und nicht mehr so lieben können, waren die zwei präsentesten Gedanken. Somit war dieses Thema für mich lange nicht relevant, obwohl der Wunsch wieder Erdenmama sein zu dürfen natürlich riesengroß war.

Denn da war eine so immense Liebe in mir, die ich von einer Sekunde auf die andere plötzlich nicht mehr geben konnte. Dieses Gefühl tat so unfassbar weh und lässt sich nicht in Worte fassen.


Monate vergingen und der Wunsch, meine enorme Mutterliebe, wieder einem kleinen Erdenmenschen geben zu dürfen, wuchs von Tag zu Tag. Es waren fast 11 Monate nach dem Tod meines Sohnes, bevor mein Bauch, in dem 3 Jahre zuvor Alexander heranwuchs, wieder die Wohnung für ein kleines zauberhaftes Wesen werden durfte.


Als ich erfuhr, dass unser Folgewunder auch ein Junge wird, war mein erster Impuls: Ich habe Angst, sie ständig miteinander zu vergleichen und Alexander steht ja sowieso für immer auf einem Podest. Ich erwischte mich dabei zu hoffen, dass er wie Alexander wird, um die riesige Lücke wieder, wenn auch nur ansatzweise, füllen zu können. Und es kam dazu, dass die Schwangerschaft völlig ident verlief und sogar die Lage war die gleiche wie bei Alexander: Beckenendlage. Was ich mir so sehr gewünscht hatte, machte mir plötzlich Angst: „Es ist alles genau gleich wie bei Alexander, was ist denn nun, wenn er mich dann auch wieder verlässt, wenn er drei Jahre alt ist?“


Mit einem Schlag wurde mir bewusst, was ich da alles von unserem Folgewunder erwartet habe, welchen Druck ich aufgebaut habe. Ich musste erkennen, dass er ein eigenständiger Mensch ist, dessen Aufgabe es nicht ist, Alexander zu ersetzen und mich glücklich zu machen. Diese Erkenntnis tat unheimlich weh, da ich schmerzlich feststellte, dass ich physisch gesehen, Alexander für immer verloren habe und dass er niemals irgendwie auch nur annähernd ersetzt werden kann oder auch ersetzt werden musste. Mit dem Loslassen dieser fixen Idee einen „neuen“ Alexander zu bekommen, veränderte sich alles. Unser Regenbogenwunder reagierte sofort und machte sich auf eine andere Art und Weise auf dem Weg zu uns als Alexander und zeigte mir somit seine Individualität.


Mein Regenbogenwunder kam auf die Welt und als ich ihn das erste Mal sah, flossen Tränen aus mir heraus, auf die ich nicht vorbereitet war. Ich konnte mein Glück nicht fassen, dass ich tatsächlich wieder ein lebendes Kind bei mir haben darf. Ein Kind, das tatsächlich, nachdem was ich alles erlebte, zu mir kommen wollte und bei mir bleiben will. Ich weinte vor Glück und Liebe und spürte es am eigenen Leib, was ich so oft gelesen hatte und mir nicht vorstellen konnte: Liebe verdoppelt sich, wenn man sie teilt… Die Bindung zu meinem Folgewunder ist eine völlig andere als zu Alexander und das ist auch gut so. Die Liebe ist eine andere. Aber sie ist nicht mehr oder weniger. Sie ist einfach anders, individuell. So wie auch meine beiden Jungs verschieden sind. Keiner ist besser oder schlechter als der Andere. Beide sind perfekt. Hingegen vieler Annahmen und Aussagen von außen, dass ich ein neues Kind bekommen solle, damit alles wieder gut ist, kann ich sagen, dass nie wieder alles gut sein wird. Denn mein Sohn wird mir für immer fehlen. Die Trauer wird für immer ein fixer Bestandteil in meinem Leben sein, das ich mir rund um die Trauer aufgebaut habe. Ein Leben, das nun auch wieder liebenswert ist und schön, aber auch manchmal ganz traurig sein kann und darf…



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